Die Tätigkeit der Kommunistischen Partei nach Errichtung des sozialistischen Staates Russland war definiert mit den beiden Begriffen „Sowjets + Elektrifizierung“: Sowjets, das ist eine Regierung, die ihre Entstehung der Anwendung des wissenschaftlichen Sozialismus verdankt, also der Gesellschaftswissenschaft im weitesten Sinne des Worte. Elektrifizierung bedeutete nichts anderes als Anwendung der Naturwissenschaft in ihrer fortgeschrittensten Entwicklungsstufe. Nach dem Leninschen Prinzip war der Sozialismus also angewandte Gesellschafts- und Naturwissenschaft. (...) Stalin hat 1928 in seiner Rede auf dem VIII. Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes hervorgehoben, dass die Bolschewiki sich nicht auf die Heranbildung kommunistischer Kader überhaupt beschränken können, „die über alles ein wenig zu schwätzen verstehen“: „Was wir jetzt brauchen“, so Stalin, „sind bolschewistische Spezialisten“: „Die Wissenschaft meistern, neue Kader bolschewistischer Spezialisten in allen Wissenszweigen schmieden, lernen, lernen, mit größer Beharrlichkeit lernen“ – das sei die Aufgabe der bolschewistischen Partei. Erstmals in der Geschichte wurde also durch die Sowjetunion versucht, die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus, die Ideen des wissenschaftsgeleiteten Humanismus zur herrschenden Idee eines Staates grundgelegt. Die optimistische und sachliche Grundstimmung der Menschen, die die Gesellschaft mit der kommunistischen Partei als treibende Kraft in Richtung Sozialismus umgestalten wollten, spiegelt sich in der Sowjetliteratur wie in dem damals viel gelesenen Werk „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Ostrowski wieder.
 

Viele hervorragende Wissenschaftler, Natur- und Gesellschaftswissenschaftler, waren von der in der Sowjetunion herrschenden wissenschaftlichen Grundgesinnung angezogen – weltweit und in der kleinen Republik Österreich. Ein Ausdruck dieser wissenschaftlichen Gesinnung, die junge kommunistische Parteien wie jene in Österreich erfasste, war - stimuliert von den theoretischen, in deutscher Sprache in Auszügen bekannten Grundgedanken Stalins über die Nation aus den Jahren 1912 bis 1913 - die historisch wissenschaftlichen Erörterungen von Alfred Klahr in Weg und Ziel 1937 zur nationalen Frage in Österreich. Das war für den Kampf gegen den deutschen Faschismus und für den Wiederaufbau der österreichischen Republik von großer Bedeutung. In Großbritannien waren John Haldane, der der Begründer der mathematischen Genetik ist, oder der Physiker John Desmond Bernal, von dem auch eine Sozialgeschichte der Wissenschaften stammt, von der Wissenschafts- und Modernisierungsdynamik, die der Sozialismus in sich birgt und in der Sowjetunion angewandt wurde, tief beeindruckt. Populärwissenschaftliche Arbeiten von beiden Naturwissenschaftlern wurden nach 1945 durch die KPÖ abgedruckt. Im ersten Heft von Weg und Ziel 1946 erschien ein Artikel des Nobelpreisträgers und Mitglieds der französischen kommunistischen Partei Paul Langevin, in dem er optimistisch meint, dass in einer menschlichen Gemeinschaft, die immer zusammenhängender und solidarischer wird, von jedem im Interesse aller ein immer höheren Bildungsgrad verlangt wird, „ein immer vollständigeres Verständnis der Beschaffenheit der Welt und der Gesetze, welche die Natur und den Menschen beherrschen“. Vor allem nach Österreich zurückgekehrten Emigranten aus Großbritannien, den USA und aus der Sowjetunion ist es zu danken, dass sich ein solches am wissenschaftlichen Fortschritt orientiertes Denken in der KPÖ verbreitete.

Zur österreichischen kommunistischen Wissenschaftlerelite nach 1945 zählte der physikalische Chemiker Engelbert Broda […]. 1936 war Broda nach Wien zurückgekehrt und musste nach dem Einmarsch der Hitler-Okkupationstruppen im Frühjahr 1938 Österreich wieder fluchtartig verlassen, diesmal nach England. 1947 kehrte er in das zerstörte Nachkriegs-Wien zurück, um am Aufbau Österreichs mitzuwirken, er war zuerst im Bundesministerium für Energiewirtschaft und Elektrifizierung tätig, widmete sich aber bald ganz der wissenschaftlichen Arbeit an der Wiener Universität. Auf seine Initiative hin wurde am I. Chemischen Institut der Wiener Universität die radiochemische Abteilung mit seinem ersten Dissertanten, dem aus der US-Emigration nach Österreich heimgekehrten Thomas Schönfeld errichtet. Am 4. November 1948 fand im Wiener Rathaus vor allem auf Initiative von Broda, der vom Mathematiker Wilhelm Frank unterstützt wurde, eine „Enquete über die Lage des wissenschaftlichen Lebens in Österreichs“ statt, was die KPÖ veranlasste die Erklärung abzugeben, dass sie innerhalb und außerhalb des Parlaments alles Erdenkliche tun werde, „um der österreichischen Natur- und Geisteswissenschaft eine würdige Zukunft zu eröffnen […] in der der Wissenschaft jede Möglichkeit gegeben wird, die Bewegungsgesetze der Atome, Moleküle und lebenden Organismen zu erforschen, die technischen Maßnahmen zur Hebung der Reichtümer unserer Berge, Täler und Flüsse zu entwickeln […].“ So lesen wir in Weg und Ziel 1949. Die Enquete war wegen der Politik der Sozialdemokratie ohne jeden Erfolg. Insgesamt herrschte in der KPÖ der Nachkriegszeit aber ein der Wissenschaft freundliche Atmosphäre. Der österreichische Atomwissenschaftler Hans J. Grümm spricht in seinen Erinnerungen von intensiven wissenschaftlichen Diskussionszirkeln in der Partei. Neben und mit den Naturwissenschaftlern, die über Naturprozesse sprachen, diskutierten Gesellschaftswissenschaftler, so der Musikwissenschaftler und frühere Begleiter von Karl Kraus Georg Knepler über Fragen eines neuen Musiklebens in Österreich. Eva Priester und Albert Fuchs, dessen Buch über die Geistigen Strömungen Österreichs heute noch unübertroffen ist, bereicherten mit ihren Arbeiten die Geschichtswissenschaft. Theodor Prager erklärte, unterstützt von einprägsamen graphischen Darstellungen, die Wirtschaft mit marxistischem Instrumentarium, seine fünf Lehrhefte, von 1951 bis 1953 von der KPÖ herausgegeben, wurden 1953 in einem Buch zusammengefasst. Der Abschnitt „Das Märchen vom ‚reichen Amerika’ ist heute noch lesenswert. Und Ernst Fischer produzierte neben Theaterstücken, deren Besuch für Parteiangehörige Pflichtübung war, auch gute marxistische Literaturwissenschaft, zu deren Pionieren in Österreich Otto Kreilisheim zählt. Fischer war ein hochbegabter Intellektueller, er galt nach 1945 als Symbol der Verbindung zwischen Arbeiterklasse und revolutionärer Intelligenz. Aber schon sein Auftreten auf der Prager Kafka Konferenz und der dort abstrakt erörterten Entfremdungsproblematik 1963 zeigt, dass er bereit war, sich selbst für jeden bürgerlichen Zeitungsapplaus aufzugeben. Der aus der österreichischen Arbeiterbewegung kommende, ausschließlich von deren Interessen angeleitete Autoschlosser, Widerstandskämpfer und Jurist der Arbeiterklasse Eduard Rabofsky, der nicht zum Führungsapparat der KPÖ gehörte, hat damals im Wiener Tagebuch unter dem Titel „Weder Fledermaus noch Schwalbe“ den historischen Materialismus von Seiten solcher Spitzenfunktionäre wie Fischer eingefordert: „Dies hätte den Vorteil, dass statt über Symbole und Mythen über geschichtliche, ökonomische und politisch relevante Tatsachen zu diskutieren wäre“. Ein hoch geschätztes Bindeglied zwischen Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft in der KPÖ war Walter Hollitscher, schon weil er das Denken nicht als „spirituelles Geschehen“ ansah. Er verfasste aus Anlass des Sputnikerfolges am 4. Oktober 1957, der allerdings die Illusion weckte, dass die Sowjetunion an die Spitze der Weltwissenschaft vorgestoßen sei, eine von der KPÖ herausgegebene optimistische Broschüre „Wissenschaft und Sozialismus. Heute und Morgen“: „Wer von den Ideen des Sozialismus ergriffen wurde, der wurde damit auch von den Ideen der Wissenschaft ergriffen; und wer die Wissenschaft begreift – wer begreift, was war, ist und kommen wird - , der begreift auch die Notwendigkeit des Sozialismus“ – so Hollitscher. […]

Alle Aspekte des menschlichen Lebens optimal zu gestalten, war Triebkraft im wissenschaftlichen Denken solcher österreichischer kommunistischer Wissenschaftler wie des österreichischen Kommunisten und Biowissenschaftlers Samuel Mitja Rapoport, der zweimal aus Wien emigrieren musste, einmal 1937 in die USA und dann wieder 1952, diesmal nach Berlin / DDR, nachdem infolge einer Intervention von Seiten der USA eine Laufbahn des damals schon international anerkannten Rapoport an der Wiener Medizinischen Fakultät unmöglich geworden war.

In breiten Kreisen der KPÖ der Nachkriegszeit war Interesse vorhanden, sich Kenntnisse über die positiven und negativen Aspekte der wissenschaftlich technischen Entwicklung auf wissenschaftlicher Basis anzueignen. Es gibt allerdings nur wenige Hinweise, dass der Parteiapparat in dieser Hinsicht selbst initiativ gewesen wäre. Vielmehr waren prominente Parteifunktionäre skeptisch gegenüber der Tatsache, dass für Wissenschaftler die Bindung an die Prinzipien der Wissenschaft und damit an den Marxismus und dessen Weiterentwicklung zum Marxismus Leninismus stärker war als die Bindung an die Kommunistische Partei bzw. kommunistischen Parteiapparat.

Diese auf Dauer sich für die Partei negativ auswirkende skeptische Haltung zeigt sich deutlich in den Auseinandersetzungen um die kultisch dogmatisierten Thesen von Olga Lepeschinskaja, die sich auf Theorien von Trofim D. Lyssenko stützte. Lyssenko war Genetiker, dessen ziemlich kryptisch formulierten Argumente sich im Kalten Krieg nicht so simpel widerlegen ließen wie das im Rückblick vielleicht zu sehen ist. Verkürzt gesagt war Lyssenko der Auffassung, dass die Entstehung der Arten durch Vererbung erworbener Eigenschaften erfolge, was den von Darwin entdeckten Naturgesetzen widersprach. 1957 besprach Broda in „Weg und Ziel „einige Probleme der sowjetischen Biologie“. Auch unter kapitalistischen Bedingungen können wissenschaftliche Scharlatane in krisenhaften Perioden – wie das Georg Lukács erläutert – großen Einfluss gewinnen, insgesamt und auf Dauer können sie aber keine maßgebliche Monopolstellung erlangen, weil eine solche die instrumentelle Funktionsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft lähmen würde. In der sozialistischen Planwirtschaft gab es, im Rückblick, keine hinreichenden, rechtzeitig einsetzende Korrekturmechanismen gegen wissenschaftlichen Pseudotheorien. Die KPÖ tat, obschon dazu nicht gezwungen, mit ihrem Funktionärsapparat bei solchen Fehlentwicklungen einfach mit. Der einflussreiche Volksstimme Redakteur Jenö Kostmann äußerte sich gegenüber Broda, der es abgelehnt hatte, einen Artikel für den Scharlatan G. M. Boschjan zu schreiben, so: „Was für die Sowjetunion gut genug ist, wird auch für den Genossen Broda gut genug sein“.

Solche Funktionäre gab es in der KPÖ zuhauf, sie delegierten das Denken in die Sowjetunion, zum Schaden der Sowjetunion und der eigenen Partei. Eine Folge dieser Herangehensweise war, dass sich Broda und andere Wissenschaftler, die durchaus solidarisch zu den sozialistischen Ländern waren, vom Parteileben der KPÖ zurückzogen. Diese Wissenschaftler blieben Kommunisten. Sie wussten, dass der Krieg an der Sowjetwissenschaft nicht ohne tiefe Spuren vorüber gegangen war und tiefe Widersprüche entstehen hat lassen. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion musste mitsamt der Industrie auch die Akademie der Wissenschaften nach Osten „umgeleitet“ werden. Die ungeheueren Verluste der Sowjetunion im Kampf gegen die Hitlerwehrmacht und der nach Beendigung des Krieges rasch einsetzende Kalte Krieg sowie die atomare Bedrohung durch die USA waren nachhaltig. Diese historische Situation hat in der Sowjetunion wie in allen Bereichen des Lebens so auch in der Wissenschaft defensive Positionen entstehen lassen. […] 1958 veröffentlichte Broda im Wiener Tagebuch zwei weitere Artikel über die Sowjetbiologie. Anlass war ein zuvor erschienener Artikel von Hollitscher über seine Eindrücke während einer Studien- und Vortragsreise in die Sowjetunion. Hollitscher hat sich dabei aus reiner Parteidisziplin an die Anhänger von Lyssenko gehalten und deren Meinung wiedergegeben. Das war von Hollitscher purer Opportunismus, weil er es als Biologe besser wusste. […]

Die Leitungskader der KPÖ beschäftigten sich nicht wirklich mit den Auswirkungen der wissenschaftlich - technischen Entwicklung auf das gesamte gesellschaftliche Leben einschließlich der Partei selbst. Sie orientierten auf unmittelbare, in zwei, drei Jahren anstehende Aufgaben. Dieses Manko wurde in der Partei Ende der 60er Jahre schließlich so offenkundig, dass jetzt versucht wurde, jenen neuen Faktoren Rechnung zu tragen. Fest stand, dass sich eben durch die wissenschaftlich technische Revolution mannigfaltige alternative Entwicklungsmöglichkeiten ergaben. Ob diese Entwicklung wirklich im Interesse der Gesellschaft sein würde, würde davon abhängen, ob privatkapitalistische und imperialistische Interessen zurückgedrängt werden können. […] 1957 hat sich aus KPÖ Mitgliedern eine politisch völlig unabhängige und autonome Arbeitsgemeinschaft „wissenschaftlich technische Revolution“ und deren Auswirkungen eingerichtet. Zuerst war Friedl Fürnberg Parteiverantwortlicher, dann Fred Margulies. Wilhelm Frank, Hans Friedmann, Robert Rosner und Thomas Schönfeld beteiligten sich aktiv und andauernd. Es kam, um die Basis des Wissens zu verbreitern, zu Vortragsveranstaltungen. Margulies hielt seine Parteizusagen nicht ein, Frank beendete ausdrücklich wegen der nicht eingehaltenen Zusagen von Margulies und Resultatlosigkeit seine Mitarbeit, die Arbeitsgemeinschaft löste sich im April 1966 auf. Im selben Monat publizierte Frank in Weg und Ziel noch einen Artikel über „Wissenschaft und Arbeiterbewegung“, indem er resümiert, dass die Arbeiterbewegung ihre Begegnung mit den Trägern der Wissenschaft nicht dem Zufall überlassen könne, sondern systematisch pflegen müsse. […]

Dem 20. Parteitag 1969, der vom Strudel der Prager Ereignisse erfasst wurde, lag unter dem Titel „Österreich und die wissenschaftlich technische Revolution“ die Diskussionsgrundlage des Arbeitskreises „Wissenschaftlich technische Revolution“ vor. Dort heißt es: „Wir müssen bemüht sein, der Wissenschaft so weit wie möglich die Tore zu öffnen und die Voraussetzungen schaffen, dass die modernen Erkenntnisse der Wissenschaft unsere Tätigkeit bestimmen. […] Versteht es die Partei jedoch nicht, die neuen Bedingungen und Möglichkeiten rechtzeitig und richtig zu nutzen, dann droht ihr die Gefahr, dass sie zu einer bedeutungslosen Sekte herabsinkt, die von inneren Widersprüchen zersetzt wird und nicht imstande ist, der Arbeiterklasse den Weg zur Erfüllung ihrer historischen Sendung zu weisen“. Leopold Hornik klagte noch auf dem 20. Parteitag: „Wir sind auf dem ideologischen Gebiet, vor allem was die Auseinandersetzungen mit den bürgerlichen Ideologien betrifft, sehr im Rückstand. Wir haben vor allem ideologisch die Probleme nicht bewältigt, die sich aus der wissenschaftlich-technischen Revolution ergeben“.

Ja, so war es und ist es! Es würde jetzt zu weit führen und eigentlich eine einziges Jammerbild abgeben, darzustellen wie dem KPÖ-Parteiapparat die wissenschaftliche Herangehensweise an die Probleme der Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten völlig abhanden gekommen ist. Daran waren, was zunächst nicht so auf der Hand liegt, jene vielen Intellektuellen einer jüngeren Generation nicht unbeteiligt, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, aus vielen verschiedenen Gründen angezogen vom Marxismus, in die als marxistisch geltende KPÖ eingetreten sind. Unter ihnen waren Naturwissenschaftler und Techniker eine winzige Minderheit, wie es ja auch eine Folge von 1968 überhaupt war, dass naturwissenschaftliche und technische Fächer eher geringer eingeschätzt wurden. Nach einer Konferenz der KPÖ „Zur Lage der Intelligenz in Österreich“ wurde eine Kommission des ZK für Intellektuellenarbeit eingesetzt, was immer das heißt. Viele von diesen Intellektuellen machten mit aufgesetzten Marx Schwätzereien, von denen Marx selbst sagte, dass, wenn das Marxismus ist, er jedenfalls kein Marxist sei, Parteikarriere. Die in der Partei verbliebenen wissenschaftlich denkenden Kommunisten, die, wie Eduard Rabofsky imstande waren, zur gesellschaftswissenschaftlichen Praxis konkret anzuleiten, waren zu wenige, um diesen Entwicklung umzukehren. Und wie steht’s heute.

Der Wahlkampf der Bundes - KPÖ im August und September d. J. [2008] hat gezeigt, dass diese Partei jede wissenschaftliche Grundlage verloren hat, der Wahlkampf wurde ohne jede Bezugnahme zum konkreten Leben der Arbeiterschaft oder zum mühevollen gewerkschaftlichen Kleinkampf in den Betrieben geführt. Da wird, weil’s nett klingt, eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden verlangt, das bringe mehr Freizeit. Freigabe von Cannabis wird ebenso gefordert wie der weltweite Ausstieg aus der Atomskraft, das sei, so ein slowenischer Textarbeiter, spätestens seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 notwendig. Er hätte sich in einem Schwerpunktheft der „Fortschrittlichen Wissenschaft“ aus dem Jahre 1987 besser informieren können. Fehlerhafte Ideologisierung ist eben nur eine Variante von sachunkundiger Trivialisierung. Der in der KPÖ als Spitzenwissenschaftler angebotene und ausgehaltene Dr. Walter Baier schwadroniert über ein bedingungsloses Grundeinkommen und vergleicht die Forderungen der jungen, um ihre Existenz kämpfende Sowjetunion an ihre arbeitsfähigen Menschen „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ mit dem Nazi-Spruch von Dachau, Arbeit mache frei. Welche Schande für die KPÖ und ihre Mitglieder, solchen geschichtslosen Tagesopportunisten Raum für ihr Gift zu geben! „Gleiche Rechte für alle“, „Gleichgewicht statt Reichgewicht“ - solche leere Redensarten schieben den Klassenkampf auf die Seite, Marx und Engels haben das bereits in ihrem Zirkularbrief vom September 1879 an Bebel, Liebknecht und anderen angeprangert.

Der Anspruch einer Kommunistischen Partei muss sein, dass ihre Leiter selbst wissenschaftliche Ansprüche haben. Das heißt natürlich nicht, auf diesem oder jenem Gebiet Experte zu werden. Das ist nicht zu schaffen, zumal sich die Kluft zwischen Experten und Laien massiv verbreitert. Aber gewisse Kenntnisse über Grundlagen, Prinzipien und Grenzen sind angemessen. Die Kommunistische Partei muss der Führungsmethode immer mehr einen wissenschaftlichen Charakter geben, anstatt den ideologischen Vorgaben der bürgerlichen Eliten kritisch vielleicht, aber jedenfalls eindeutig nachzulaufen wie beispielsweise in der Frage der Europäischen Union. Der fachlichen Qualifikation der Funktionäre muss ein immer anzuhebender Stellenwert haben - neben ihrer politischen Verlässlichkeit. Einer der letzten Parteifunktionäre, die das zu vertreten versucht haben, war Ernst Wimmer.

Wissenschaft ist ein sich entwickelndes, umfassendes System von Erkenntnissen über die Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des Denkens. Wissenschaftler mussten einen langen Kampf führen gegen metaphysische und religiöse Bevormundung. Sie müssen diesen noch am Beginn unseres 21. Jahrhundert weiter und in Anbetracht reaktionärer Entwicklungen wieder führen. So bringt die katholische Kirche sich durch den pseudowissenschaftlichen Begriff Intelligent Design gegen die Evolutionstheorie in Stellung. Intelligent Design steht für die religiös inspirierte Lehre, nach der die Vielfalt des Lebens nicht durch Evolution, sondern nur durch das Wirken eines allmächtigen Schöpfers, also durch einen intelligenten Entwurf, entstanden sein kann. Daraus resultieren tiefgehende Manipulationsmöglichkeiten der Menschen durch die Kirche. Es ist ein Kennzeichen des völlig unwissenschaftlichen Zustands der KPÖ von heute, dass 2005 ihr Vorsitzender die in Österreich von Kardinal Schönborn forcierte pseudowissenschaftliche Agitation unterstützt hat. Ein fatales Symbol ist, dass die Bundes - KPÖ ihr Seminar über 90 Jahre KPÖ in Mariapolis in Wien 23 abgehalten hat, einem Gästehaus der erzkatholischen Fokolarebewegung. Aber das sind nicht die einzigen äußeren Verfallszeichen einer Partei, die mit der Theorie von Marx und Engels angetreten ist, den „Sozialismus aus einer Utopie zur Wissenschaft“ zu machen.

Die KPÖ zieht mit ihren beliebig gewordenen Positionen Wissenschaftler, die über ihre Disziplin hinaus denken, nicht mehr an. Was soll einen Wissenschaftler auch veranlassen in einer Partei mitzuwirken, die so wenig Respekt gegenüber gesicherten wissenschaftlichen Positionen zeigt? Das menschliche Denkvermögen kann, so Bertolt Brecht, in erstaunlicher Weise beschädigt werden. „Das gilt für die Vernunft des einzelnen wie der ganzen Klassen und Völker“ und, das darf sinngemäß ergänzt werden, der Parteien. Möge sich also die Kommunistische Partei Österreichs ihrer wissenschaftlichen Wurzeln erinnern, denn nur dann wird ihr Wirken in der Klassengesellschaft, im realen Kampf zwischen den Klassen, wieder nützlich sein und die Erkenntnis um sich greifen, dass es jenseits des Kapitalismus ein System gibt, das vor allem die Grundbedürfnisse des Menschen erfüllen kann.